Die Eröffnungsrede von Dr. Andreas Sourriseaux zur Vernissage der Ausstellung "Touching from a Distance" am 23. September 2016

"Sehr verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Freunde, herzlich Willkommen in der Fenstergalerie Will, herzlich Willkommen zu »Touching from a Distance«. Meine Freunde Klaus und Bettina Will, die Galeristen, und Marcel Rauschkolb, der Künstler, haben mich gebeten, einige einführende Worte zum heutigen Abend zu sprechen. Mein Name ist Andreas Sourisseaux.

Bisher konnte ich sechs Ausstellungen in der Fenstergalerie Will miterleben. Bevor ich mich Marcel Rauschkolb und der für mich siebten Ausstellung widme, möchte ich mich, ich glaube auch im Namen der Darmstädter Künstler und Kunstinteressierten, ganz herzlich bei Bettina und Klaus Will, unseren Galeristen, bedanken, die uns mit außergewöhnlicher Energie, mit viel Enthusiasmus ganz besondere Begegnungen mit Künstlern und Kunstfreunden ermöglichen. Liebe Bettina, lieber Klaus, ganz herzlichen Dank dafür, Ihr sollt wissen, wie sehr wir Euer ideelles aber auch finanzielles Engagement schätzen; das nehmen wir wahrlich nicht als selbstverständlich.

Nun zu Marcel Rauschkolb und seinen eingefangenen Augenblicken. Die Blicke, fast schon ein thematisch roter Faden der Fenstergalerie Will. Da gab es »Der tiefe Blick« von Jan Holtz im Herbst letzten Jahres, »Just have a look« von Thiemo Halbig diesen Sommer, und nun, heute Abend, Marcel Rauschkolb’s Augenblicke.

Marcel Rauschkolb, Jahrgang 1965, ein Grenzgänger zwischen den Welten. Ausgebildeter Industriefotograf, zunächst Arbeit in der Werbe-, Dokumentations- und wissenschaftlichen Fotografie. Dann der Wechsel des beruflichen Schwerpunktes in Richtung Grafik, Webdesign und Konzeption. Dafür umso mehr und ambitioniertere freie Fotografie. Weiterbildung bei Chris Steele-Perkins von Magnum und Jonathan Torgovnik vom ICP International Center of Photography. Und heute Abend seine erste Ausstellung jenseits der virtuellen Welt.

Ich habe Marcel Rauschkolb mit seinen Arbeiten zum Motorsport kennengelernt. Sein unglaublicher Blick für die Schönheit der Maschine hat mich fasziniert. Doch heute Abend geht es weg von der Rennstrecke auf die Straße.

In diesen sehr persönlichen Arbeiten, die wir heute Abend sehen, hält er Augenblicke fest, alltägliche Szenen, die uns Geschichten aus dem Leben erzählen – so schreibt Marcel Rauschkolb selbst auf dem Plakat zu »Touching from a Distance«.
Was wir hier sehen sind schöne Geschichten, genauer, der Beginn schöner Geschichten. Sie sehen Situationen, jedes Bild steht für eine einzigartige Situation, die es genau so niemals wieder mehr geben wird: Marcel Rauschkolb steht für »Street Photography«, Straßenfotografie. Ein aktuell auch gesellschaftlich intensiv diskutiertes Kunstgenre. Darf man die beiden Damen – die auf 40 | Calle della Toletta, Venedig – einfach, ohne zu fragen, um bei dem Titel unserer Ausstellung zu bleiben, aus der Ferne von hinten berühren?

Straßenfotografie, irgendwo auf dem Kontinuum zwischen formaler und Dokumentarfotografie angesiedelt. Seine Arbeiten sind, so Marcel Rauschkolb selbst, das Resultat eines regelhaften Prozesses: Herumlaufen, warten, beobachten, komponieren und dann das Bild mit der Kamera erstellen. Ohne den letzten Vorgang fast ein Lebensstil, der längst vergessene Lebensstil des Flaneurs, des Mannes mit freier Zeit, der im Leerlauf unterwegs ist, der urbane Entdecker des Trivialen, der Connaisseur der Straße. Weg sein von zu Hause, sich aber über seinen besonderen Blick und die »Flanerie« überall zu Hause fühlen. Die Kamera ist nachgerade das natürliche Werkzeug des modernen Flaneurs. Der Straßenfotograf ist die bewaffnete Version des Flaneurs.
Anders als die Dokumentarfotografie, die immer versucht, uns den schicksalhaften Moment zu zeigen, zeigt uns die Straßenfotografie den zufälligen, aber – in den Worten Cartier-Bresson’s – den entscheidenden Moment, »le moment décisif«. Die Dokumentarfotografie drängt den Betrachter in eine bereits beim Künstler angelegte Bewertung, die Straßenfotografie lässt dem Betrachter die Freiheit persönlicher Interpretation. Gute Straßenfotografie löst etwas aus. Und das tut Marcel Rauschkolb. Er erzählt uns mit seinen Arbeiten keine Geschichte, seine Arbeiten regen uns an, eigene Geschichten zu erzählen.

Lassen sie uns noch einmal kurz den beiden Damen – auf 40 | Calle della Toletta, Venedig – zuwenden.
Zwei Damen. Vermutlich Schwestern. Beide tragen Perücken. Warum? Sind sie krank? Nein. sie sind in einer fremden Stadt. Sie wollen nicht erkannt werden. Beide tragen Strickjacken. Beide in blau. Die rechte ein helleres blau. Dafür ist das Beige ihrer Tasche dunkler als das der linken Dame. Lässt man mal die Hosen beiseite: Würde man alle Farben oberhalb der Gürtellinie der beiden Damen mischen, dann käme vermutlich bei beiden exakt der gleiche Farbton heraus, ein blasses Mittelblau. Zufall? Oder das Ergebnis eines akribischen Morgenrituals in einem venezianischen Hotelzimmer? Sicher! Auch wenn das nicht die Farbe der Hosen erklärt. Aber das wäre dann schon das nächste Kapitel meiner Geschichte von 40 | Calle della Toletta.

Ich möchte sie aber jetzt einladen, ihre eigenen Geschichten in den Werken von Marcel Rauschkolb zu entdecken. Wenn sie Ihre Geschichten lieber zu Hause schreiben: Die Bilder kann man kaufen, nach Hause mitnehmen und dort die Geschichten weiter spinnen. Sprechen Sie Marcel Rauskolb an, oder auch Anja Rauschkolb. Ich wünsche Ihnen einen anregenden Abend und erkläre die Ausstellung »Touching from a distance« hiermit für eröffnet."

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